FILIPPO GORINI
Pianist
Reviews
Minutenlanger Applaus nach Ausnahmeleistung

Gastpianist Filippo Gorini und Bad Reichenhaller Philharmoniker unter Dirigent Christian Simonis ziehen Publikum in ihren Bann

 

Nur drei Tage vor dem 5. Philharmonischen Konzert erreichte das Orchesterbüro die Nachricht, dass der Klaviersolist Herbert Schuch erkrankt ist und für das Konzert nicht zur Verfügung steht. Für den Geschäftsführer Felix Breyer begann dann die turbulente Suche nach einem Pianisten, der in der Lage ist, das vorgesehene Brahmsche Klavierkonzert Nr. 2 spontan zu spielen.
Er hatte Glück, denn mit dem erst 20-jährigen Italiener Filippo Gorini fand er einen ausgezeichneten Ersatz, der sich gerade mit dem „Konzert für Klavier und Orchester Nr.2 B-Dur op. 83“ auf seine nächstjährigen Konzertreisen nach Kanada, die USA, Australien und Europa vorbereitet. Bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, demonstrierte der junge Künstler an diesem Konzertabend virtuos, warum er in den hervorragenden Kritiken der Fachleute für seinen „seltenen Intellekt, sein Temperament“ und seine „lebhafte Fantasie“ hochgelobt wird.

Aber auch die Bad Reichenhaller Philharmoniker verstanden es unter der inspirierenden Leitung ihres Chefdirigenten Christian Simonis als kongeniale Partner des Solisten und im zweiten Teil des Konzerts mit der Intonation der „Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 Eroica“ von Beethoven beeindruckend musikalische und emotionale Substanz kraftvoll miteinander zu vereinen. Typisch für den gereiften Komponisten ist unter anderem die konsequente thematische Arbeit mit Abspaltung, Umkehrung und Fortspinnung der Motive. Mit einer Eigenart von Brahms, der den Hornklang schätzte, beginnt der monumentale erste Satz eher träumerisch mit einem einsamen Hornruf. Dem liedartigen Kopfthema antwortet das Klavier zunächst noch verhalten, steigert sich aber im großen Strom bald in dramatischere Töne und kraftvollem Forte, sporadisch nur unterbrochen durch Ruheinseln in Form von Bläsersoli. Der zweite Satz zeigt sich als leidenschaftliches Scherzo mit eher kantigen Elementen, massiven Wendungen und einem geschmeidigen, entspannten Finale. Ein klarer Kontrast hierzu erscheint im folgenden Andante. Hier stellt sich ein einzelnes Cello dem Klavier als Solist zur Seite, umspielt das Thema mit einer Weise, tritt mit ihm – wie später auch zwei Klarinetten oder die Oboe – in intime Dialoge und führt es abwechselnd zurück zur anfänglichen Liedmelodie.

Das Konzert endet tänzerisch und impulsiv in einem Allegretto grazioso. Es war beeindruckend, wie abgeklärt, virtuos, voller Körperspannung und bestechend synchron mit dem Orchester Filippo Gorini agierte. Bestechend insbesondere auch, wie er extrem weitgriffige Passagen in einer spielerisch wirkenden Leichtigkeit meisterte, die Bälle des Orchesters aufgriff, sie zurückspielte oder aus einer kraftvollen Dynamik heraus, Themen wunderbar poetisch, zart und feinfühlig umsetzte oder mächtige Klaviertriller zauberte. Das Publikum feierte ihn und die Philharmoniker hierfür minutenlang mit euphorischem Applaus. Gorini bedankte sich mit einer Solozugabe.
In einer ebenso kraftvollen, inspirierenden Dynamik brachte das Orchester im zweiten Teil des Konzerts die „Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 Eroica“ von Ludwig van Beethoven zu Gehör. Wie Christian Höllwerth im Programmheft schreibt, hebt sich dieses Werk insbesondere durch die „Fülle an neuartigen musikalischen Effekten und Affekten, die Beethoven in seiner dritten Sinfonie gefunden und gestaltet hat“,, weit über andere heraus. Komponiert genau in die Zeit von Napoleons Aufschwung. Beethoven zeichnet zwar darin das Bild des „Helden“ eher idealtypisch, verleiht der Musik durch eine neuartige Behandlung der Blechbläser stellenweise heroische Anmutung. Ab „Eroica“ werden in Sinfonien auch menschliche Anliegen thematisiert und halten Seelendramen Einzug. Seine besondere Wucht erreicht der erste Satz schon durch seine Länge von 691 Takten. Musikalische Impulse werden etwa über weitläufige Steigerungen, Spannungsbögen und aufreizende Trompetensequenzen erzeugt, gesetzt in einem einfachen Dur-Dreiklang. Die Melodie des Trauermarsches erhält unter anderem durch trommelartige Melodiebewegungen im Kontrabass seinen klagenden Klang, erfährt im Mittelteil einen kurzfristigen Lichtblick. Seinen düsteren Höhepunkt erreicht die Komposition hier, als Trompeten und Hörner anklagen und „ein Urteil verkünden“, welches hörbar großen Eindruck auf Flöte und Violinen macht. Einen Neuanfang aus dieser Depression versucht im Scherzo die Oboe mit einem bewegten Hauptthema. Das Trio liegt fest in der Hand der drei Hörner, die diesen Part exzellent und beeindruckend wahrnehmen. Klingt die Einleitung zum Finale noch eher improvisiert und harmlos, gelingt Beethoven eine unwiderstehliche Entwicklung durch Hinzufügen von immer mehr Gegenstimmen und Gegenmelodien, gewürzt durch scharfe Dissonanzen und Mollwendungen. Das Werk endet in einem dynamisch, gleichwohl mit filigranen Elementen entschleunigten Satz, in dem die Querflöte und die Oboe erneut gefordert sind. Auch für diese grandiose Dirigenten- und Orchesterleistung, die an diesem Abend eine ungeheure Kraft und Inspiration auszulösen vermochte und das Publikum förmlich in den Melodienfluss mitgerissen hatte, bedankten sich die Konzertbesucher zurecht mit überschwänglichem Applaus.

 

Werner Bauregger, Reichenhaller Tagblatt
Back to List
Back to Top